Kraftwerk Staudinger

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Das Kraftwerk Staudinger ist ein vorwiegend mit Steinkohle befeuertes Dampfkraftwerk bei Großkrotzenburg im Bundesland Hessen, in der Nähe von Hanau, direkt am Main gelegen. Es ist nach dem ersten Aufsichtsratsvorsitzenden der PreussenElektra, Hans Staudinger benannt und wird von der Uniper Kraftwerke GmbH betrieben. Nach dem (2011 stillgelegten) Kernkraftwerk Biblis ist es das größte Kraftwerk Hessens. Zur Anlieferung der Kohle besteht ein elektrifizierter Gleisanschluss an die Main-Spessart-Bahn (Ganzzüge); der Hauptanteil wird per Schiff über den Main angeliefert.
Die Blöcke 2 und 3 wurden zum 31. Dezember 2012, ersterer nach langjährigem Stillstand, endgültig stillgelegt; Block 1 folgte nach dem Ende der Heizperiode zum 30. April 2013. Seit 2013 befindet sich nur noch der mit Steinkohle betriebene Block 5 mit einer elektrischen Leistung von 510 Megawatt im Regelbetrieb. Der mit Erdgas betriebene Block 4 kann nur noch von der Bundesnetzagentur und dem Netzbetreiber zur Sicherung der Netzstabilität genutzt werden.
Im Jahr 2010 war das Kraftwerk Staudinger laut europäischem Schadstoffregister PRTR mit circa 4,5 Mio. Tonnen CO2 das Steinkohlekraftwerk mit dem vierthöchsten Kohlendioxidausstoß in Deutschland.

Das Kraftwerk verfügte über fünf Blöcke, die noch alle bestehen, von denen aber nur noch Block 5 regelmäßig betrieben wird. Ein geplanter sechster Block wurde 2012 aus wirtschaftlichen Gründen abgesagt.
Die baugleichen und je 249 MW starken Blöcke 1 und 2 wurden 1965, der 293 MW Nettoleistung liefernde Block 3 1970, jeweils als Mittellastkraftwerke, in Betrieb genommen und zum 31. Dezember 2012 stillgelegt. Block 1 wurde über dieses Datum hinaus noch bis zum 30. April 2013 zur Absicherung der Fernwärmeversorgung betriebsbereit vorgehalten.
Alle drei Blöcke dienten der Erzeugung von Mittellaststrom, Block 1 und Block 2 außerdem der Auskopplung von Fernwärme. Block 2 wurde im April 2001 in die Kaltreserve überführt und bis zur formellen Stilllegung nicht mehr angefahren.
Im Jahre 2006 kündigte E.ON (heute Uniper) an, Staudinger 1 und 3 sowie den de facto seit 2001 nicht mehr betriebenen Block 2 zum 31. Dezember 2012 endgültig stillzulegen. Zu diesem Zeitpunkt ging das Unternehmen von einer Betriebsaufnahme von Staudinger 6 während des Jahres 2012 aus. Weil mit Stand 2010 von einer Inbetriebnahme des Blockes 6 nicht vor 2016 auszugehen war, entschloss sich E.ON im Herbst 2010 dazu, die Verzichtserklärung zumindest für Block 1 zu widerrufen. Diesem Ansinnen E.ONs gab das Regierungspräsidium Darmstadt im Mai 2011 statt. Am 31. August 2011 empfahl die Bundesnetzagentur, aufgrund der im Zuge der Abschaltung älterer Atomkraftwerke zu erwartenden Stromengpässe im Winter 2012/2013 einen Weiterbetrieb von Block 3 bis mindestens 31. März 2013 zu prüfen.
Im Dezember 2012 gab das Regierungspräsidium Darmstadt entgegen einer früheren Entscheidung bekannt, dass Block 1 wie auch die Blöcke 2 und 3 wie vorgesehen zum Jahresende 2012 stillgelegt werden müsse. Grundlage für diese Entscheidung war die zurückgewiesene Klage E.ONs bezüglich des Weiterbetriebs des Kraftwerks Datteln, wo E.ON wie auch beim Kraftwerk Staudinger zunächst eine Stilllegung der Altblöcke beantragt und später wieder zurückgenommen hatte. Diese gerichtliche Entscheidung sei auch für das Kraftwerk Staudinger bindend; die Betriebsgenehmigung erlösche damit zum 1. Januar 2013, da die durch E.ON gegebene Stilllegungserklärung trotz späterer Widerrufung nicht rückgängig gemacht werden könne. Damit sei die später beantragte Verlängerung der Betriebsdauer von Block 1 nicht möglich. Weil zur Absicherung der Fernwärmeversorgung Hanaus und Großkrotzenburgs in der Heizperiode 2012/2013 noch keine anderweitige Reserve zur Verfügung stand, wurde der Weiterbetrieb des Blockes 1 bis zum 30. April 2013 geduldet.
Block 1 und 2, die mit Durchlaufkühlung betrieben wurden, verfügen über jeweils zwei 38 Meter hohe Ventilatorkühltürme, die bei sommerlicher Hitze oder niedrigem Pegel des Mains zugeschaltet werden konnten, um die Belastung des Flusses durch erwärmtes Kühlwasser zu verringern. Block 3, welcher über einen 50 Meter hohen Ventilatorkühlturm verfügt, konnte sowohl im Durchlauf- als auch im Kreislaufkühlbetrieb gefahren werden. Die Schornsteine von Block 1, 2 und 3 sind jeweils 195 Meter hoch.
Block 4 wird mit Erdgas befeuert und dient der Erzeugung von Spitzenlaststrom. Der mit 622 Megawatt Nettonennleistung stärkste Block des Standortes wurde 1977 in Betrieb genommen. Der Kühlturm von Block 4 ist 128 Meter hoch, sein Schornstein hat 250 Meter Höhe und ist damit der höchste Schornstein in Hessen. Im Jahre 2009 wurde der Kühlturm von Block 4 innen saniert, 2011 folgte die Sanierung der Außenwände. Im Zuge der Außensanierung erhielt der Kühlturm einen neuen Anstrich in lichtgrau mit einem himmelblauen Ring in der oberen Hälfte.
Im Mai 2012 vermeldete die Financial Times Deutschland, dass E.ON plane, Block 4 sowie drei Gaskraftwerke in Bayern aufgrund mangelnder Rentabilität 2013 stillzulegen. Vonseiten E.ONs wurden diesbezügliche Meldungen zunächst dementiert. Ende 2012 kündigte E.ON an, den Block abschalten zu wollen, und meldete ihn zum 1. Dezember 2012 von der Teilnahme am Strommarkt ab. Aufgrund einer Vereinbarung mit der Bundesnetzagentur, die den Block für systemrelevant erklärt hatte, wird Block 4 bis zum Ende des ersten Quartals 2016 von E.ON in Betriebsbereitschaft gehalten; das Anfahren wird von der Bundesnetzagentur und dem Netzbetreiber TenneT gesteuert. Am 2. Februar 2015 entsprach die Bundesnetzagentur dem Antrag des Netzbetreibers TenneT, die Ausweisung der Systemrelevanz des Blockes Staudinger 4 um zwei Jahre zu verlängern. Block 4 wird gemäß dieser Entscheidung bis zum 2. Mai 2018 betriebsbereit vorgehalten.
Der 510 Megawatt starke Block 5 wurde 1992 in Betrieb genommen. Er dient der Erzeugung von Grundlaststrom, zudem wird Fernwärme ausgekoppelt. Eine Besonderheit des Blocks 5 ist, dass er keinen Schornstein hat, sondern die gereinigten Rauchgase über den 141 Meter hohen Kühlturm emittiert werden. Er wird durch Steinkohle und die Mitverbrennung kommunaler und kommunalähnlicher Klärschlämme (drei Prozent) befeuert. Jährlich werden 60.000 Tonnen Klärschlamm entsprechend 10 % der in Hessen anfallenden Gesamtmenge verbrannt. In Block 5 werden stündlich maximal 19 Tonnen Petrolkoks durch Verbrennung entsorgt.
Am 12. Mai 2014 kam es nach Abriss einer Dampfleitung zu einer Explosion im Kessel, infolgedessen mehrere Löcher in die Fassade gerissen wurden. Daraufhin wurde der Block 5 herunter gefahren. Ursache war ein geborstenes Bauteil an einer Kessel-Umwälzpumpe. Der Schaden wird auf 25 Millionen Euro geschätzt, der Betriebsausfall ist darin nicht enthalten. Nachdem Block 5 ab dem 6. Januar 2015 einen Probebetrieb absolviert hatte, nahm er am 15. Januar 2015 mit Genehmigung des Regierungspräsidiums Darmstadt wieder den Regelbetrieb auf.
Im Zuge der Modernisierung seiner Kraftwerksanlagen beschloss der E.ON im Dezember 2006, das Kraftwerk Staudinger um einen sechsten Block mit einer elektrischen Nettoleistung von 1.055 MW zu erweitern (1.100 MW elektrische Bruttoleistung, Auslegung geplant wie Datteln 4). Ursprünglich waren die Stadtwerke Hannover mit einem Anteil von 12,6 % an Block 6 beteiligt, zogen sich jedoch Ende 2010 zurück. Am 29. Dezember 2010 erteilte das Regierungspräsidium Darmstadt die erste Teilgenehmigung für Block 6. Im November 2012 gab E.ON bekannt, auf das Projekt zu verzichten. Als Grund wurden wirtschaftliche Überlegungen genannt, da die energiewirtschaftliche Situation keine hinreichende Investitionssicherheit biete.
Technische Daten zum geplanten Block 6:
Gegen die Ausbaupläne der E.ON sprachen sich zahlreiche Gemeinden, Städte und Bürgerinitiativen in der Region aus, da sie keine zusätzliche Belastung der Rhein-Main-Region hinnehmen wollten. Durch die Höhe des Kühlturms, der zur Abgasableitung genutzt werden sollte, ergab sich ein Radius von 10 Kilometern, in dem die höchste Schadstoffbelastung (Immission) entstanden wäre. Dieser Radius reichte von Maintal bis Alzenau und von Erlensee bis Rodgau-Dudenhofen. Durch die hessische Landesregierung wurde 2008 ein Raumordnungsverfahren eingeleitet, um die Bedenken in der Region in die Überlegungen zum Standort einzubeziehen. Im Anschluss stellte E.ON die Genehmigungsanträge nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz (BImSchG) und dem Wasserhaushaltsgesetz (WHG).
Seit Anfang 2007 bis zum Ende des Bauprojektes gab E.ON die kostenlose Zeitung neben.an heraus. In der Zeitung wurde das Kraftwerk Staudinger in seiner jetzigen Form vorgestellt und beispielsweise Berichte über Tage der offenen Tür veröffentlicht oder die Technik der Fernwärme allgemeinverständlich erläutert.
Am 29. Dezember 2010 erteilte das Regierungspräsidium Darmstadt die Teilgenehmigung für Block 6. Die zweite Teilgenehmigung zur Errichtung der Baugruben und der Werksstraßen erfolgte im Mai 2011. Im März 2012 wurde die wasserrechtliche Genehmigung für die Blöcke 4 und 5 sowie den geplanten Block 6 befristet bis 2028 erteilt. Die Genehmigung sieht u.a. vor, die Einleitung von Quecksilber bis zum Jahr 2018 schrittweise von derzeit 507 Gramm auf 231 Gramm pro Jahr zu verringern. Mitte November 2012 gab E.ON bekannt, auf den Bau von Block 6 zu verzichten; am 3. Dezember 2012 wurde die Genehmigung an das Regierungspräsidium zurückgegeben.
Im November 2007 erteilte das Regierungspräsidium Darmstadt die Baugenehmigung für zwei geschlossene Kohlerundlager, beide mit einer Höhe von 58 Metern, einem Durchmesser von 125 Metern und einem Fassungsvermögen von jeweils 220.000 Tonnen Steinkohle. Nach Angaben von Uniper gibt es kein vergleichbares Bauwerk in Deutschland. Der Bau des ersten Kohlerundlagers wurde 2010 abgeschlossen. Im heißen Sommer 2010 gab es einen Schwelbrand im Rundlager, der zur Geruchsbelästigung der Anwohner führte. Das zweite Lager wurde aufgrund des Verzichts auf Block 6 nicht gebaut.
Der Netzanschluss für Block 1 erfolgt auf der 220-kV- und für die Blöcke 3 bis 5 auf der 380-kV-Höchstspannungsebene in das Stromnetz des Übertragungsnetzbetreibers TenneT TSO.
Kritiker bemängeln am Kraftwerk Staudinger die hohen Emissionen an Stickstoffoxiden, Schwefeloxiden, Quecksilber und Feinstaub, an dem Krebs erzeugende Substanzen (Blei, Cadmium, Nickel, PAK, Dioxine und Furane) haften können. Eine von Greenpeace bei der Universität Stuttgart in Auftrag gegebene Studie kommt 2013 zu dem Ergebnis, dass die 2010 vom Kraftwerk Staudinger ausgestoßenen Feinstäube und die aus Schwefeldioxid-, Stickoxid- und NMVOC-Emissionen gebildeten sekundären Feinstäube statistisch pro Jahr zu 511 verlorenen Lebensjahren führen (Rang 12 der deutschen Kohlekraftwerke).
Außerdem stehen angesichts des Klimawandels die CO2-Emissionen des Kraftwerkes in der Kritik von Umweltverbänden. Auf der im Jahr 2007 vom WWF herausgegebenen Liste der klimaschädlichsten Kraftwerke in Deutschland rangierte das Kraftwerk Staudinger mit 840 g CO2 pro Kilowattstunde auf Rang 29.
Das Kraftwerk Staudinger meldete folgende Emissionen im europäischen Schadstoffregister „PRTR“:
Weitere typische Schadstoffemissionen wurden nicht berichtet, da sie im PRTR erst ab einer jährlichen Mindestmenge meldepflichtig sind, z.B. Dioxine und Furane ab 0,0001 kg, Chrom sowie Kupfer ab 100 kg, Blei sowie Zink ab 200 kg, Ammoniak und Chlorwasserstoff ab 10.000 kg, flüchtige organische Verbindungen außer Methan (NMVOC) ab 100.000 kg und Kohlenmonoxid ab 500.000 kg.
Die Europäische Umweltagentur hat die Kosten der Umwelt- und Gesundheitsschäden der 28.000 größten Industrieanlagen in der Europa anhand der im PRTR gemeldeten Emissionsdaten mit den wissenschaftlichen Methoden der Europäischen Kommission abgeschätzt. Danach liegt das Kraftwerk Staudinger auf Rang 93 der Schadenskosten aller europäischen Industrieanlagen.